"Verlieb Dich neu in Deine Kupferstadt..."

Beim Stühlerücken im Workshop „World Café“ sprudeln die kreativen Ideen für das neue Konzept für den Stolberger Tourismus

Neue Sichtweisen: Bei der Kreativitätsmethode „World Café“ startet jede Gruppe mit dem Fundus der vorherigen Gruppe am Tisch. Mit der Workshop-Art soll ein neues Konzept für den Tourismus in der Kupferstadt entstehen. Foto: Doris Kinkel-Schlachter
Neue Sichtweisen: Bei der Kreativitätsmethode „World Café“ startet jede Gruppe mit dem Fundus der vorherigen Gruppe am Tisch. Mit der Workshop-Art soll ein neues Konzept für den Tourismus in der Kupferstadt entstehen. Foto: Doris Kinkel-Schlachter

„World Café“ im Museum Zinkhütter Hof: Diese Workshop-Art, die am Mittwoch erstmalig in der Kupferstadt angewendet wurde, ist, obwohl sie sich für den „gemeinen Stolberger“ ziemlich hochtrabend anhört, gut angekommen bei den Teilnehmern.


Und so funktioniert die Kreativitätsmethode: Viele Ideen entstehen schneller als eine Idee. In der Gruppe beflügelt die Ideenproduktion und bringt neue Sichtweisen zu Tage. Jede Gruppe startet mit dem Fundus der vorherigen Gruppe am Tisch, und ein Tischmoderator hilft bei Verständnisfragen und koordiniert. So weit so gut… Bevor die Gäste für das „Tourismuskonzept 2020“ ihre Köpfe rauchen lassen konnten, erklärte ihnen Moderator Bernd Steinbrecher, Geschäftsführer der Aachener Werbeagentur „Power+Radach“, den Ablauf eines arbeitsreichen Tages.


Vor dem vorausschauenden Blick richteten sich die Augen zunächst auf den Rückspiegel. Das zurzeit noch gültige Tourismuskonzept für Stolberg wurde vor acht Jahren gemeinsam mit dem Institut für Freizeit und Tourismus in Köln, vertreten durch Dr. Robert Datzer, entwickelt. Seitdem konnten schon viele Maßnahmen umgesetzt werden, beispielsweise Vitalparcours, Kupferroute, neue Parkplätze für Bustouristen, die Herausgabe von Imagebroschüren und begleitender, teils auch mehrsprachiger Flyer und die touristische Beschilderung in der Innenstadt.


„Auf die Erfolge der vergangenen Jahre können wir stolz sein und sie haben eine gute Grundlage für die zukünftige Entwicklung gelegt. Es hat sich tierisch was bewegt! Erfolg ist aber gerade im Tourismus nur möglich, wenn alle an einem Strang ziehen und sich die Angebote sinnvoll ergänzen. Mit dem World Café möchten wir unsere lokalen Akteure und die Vertreter von Rat und Verwaltung an einen Tisch bringen, gemeinsame Ziele entwickeln und Veränderungen anstoßen“, sagte der Erste Beigeordnete der Stadt, Robert Voigtsberger. „Tourismus, richtig betrieben, ist ein wichtiger Wirtschaftszweig. Wir haben in Stolberg eine historische Altstadt, Natur und Gemeinden mit besonderem Charme: Ein nachhaltiges Tourismuskonzept muss mit Leben gefüllt werden, es darf nicht bloße Kosmetik sein“, ergänzte Jochen Emonds, Vorsitzender des Ausschusses für Tourismus.


Aus der Studie „Tourismus 2020“ des Deutschen Zukunftsinstitutes stellte Bernd Steinbrecher den Workshop-Teilnehmern die fünf großen Trends vor, informierte über Zahlen, Trendbarometer und Zielgruppenpotenziale für den Tourismus im ländlichen Raum und gab Einblicke in den Wachstumsmarkt Tourismus. Und Stolberg? Was davon kommt für die Kupferstadt in Frage? „Gesundheit und Naturerlebnis sind die Trends, die von den naturräumlichen Gegebenheiten und dem Angebot Stolbergs bedient werden können“, sagte Bernd Steinbrecher.


Ideen auf den Tisch


In Phase eins des World Café kamen vier Themen im wahrsten Sinne des Wortes auf den Tisch. 1. Trends: Wie kann Stolberg die Megatrends im Tourismus mit Ideen und Innovationen nutzen? 2. Potenziale: Wie können die eigenen Potenziale von Natur bis Burg neu genutzt werden? 3. Kundenerlebnis: Welche Erlebnisse werden für die Zielgruppen für Tourismus im ländlichen Raum angeboten? 

4. Vernetzung: An welchen Themen entlang können sich Akteure neu vernetzen und wechselseitig verstärken? Jede Gruppe arbeitete an jedem Thema komprimiert für 25 Minuten, so dass alle 25 Minuten ein reges Stühlerücken stattfand. Aber nicht nur das: Auf den Tischen gab es Moderationskarten, Stifte und jede Menge Platz, um Kreativität und Gedanken freien Lauf lassen zu können.


Dabei gab es auch einen Knigge für die Tische: Die Teilnehmer sollten im Gespräch so viele Ideen und Ansätze produzieren wie möglich und dabei auf Kommentare, Korrekturen und Kritik an anderen Ideen verzichten. Es sollte keine Wertung oder Beurteilung der Ideen vorgenommen werden, jeder sollte seine Gedanken frei äußern können. Die Tischmoderatoren Dirk Stock (Romantik Parkhotel am Hammerberg), Svenja Erler, Barbara Breuer (beide Stolberg-Touristik) und Petra Grüttemeier (Museum Zinkhütter Hof) hatten zwischenzeitlich gut zu tun, denn mit den vorgegebenen Spielregeln wollte es nicht immer so klappen.


Eifrig wurde diskutiert, argumentiert und manchmal kritisch hinterfragt. „Aber das läuft hier sehr kreativ, und schon jetzt haben wir viele Ideen und Anregungen“, freute sich die Leiterin der Touristik, Barbara Breuer. Ein paar Schlagworte gefällig? Aktiv-Tourismus, Wandern, Leihfahrräder, Stadtbahn, Burgstollen, Kutschen, Stadtführungen per Fahrrad, gastronomische Produkte aus der Region, Außengastronomie sowie ein Außentheater, Vernetzung, Beschilderung, öffentliche Toiletten… „Man kann nicht immer nur meckern, man muss auch irgendwo ansetzen und der Politik wie den Institutionen ein Feedback geben. Das brannte mir einfach auf den Nägeln, und deshalb bin ich hier. Und ich finde es richtig gut“, sagte Gaby Hoff, eine der wenigen Bürger, die sich die Zeit genommen hatte, die auf einen Wochentag terminierte Veranstaltung zu besuchen.


Glücklich gewählt fand auch Hotelier Dirk Stock den Zeitraum fürs World Café nicht, schließlich hätten die Kollegen alle Hände voll zu tun mit der Reit-EM. Und Studentin Anette Engelhardt, die im Rahmen ihrer Semesterarbeit an der „Rekultivierung der Innenstadt“ sowie die „Ränder der Stadt“ gearbeitet hat, fand es „schade, dass der Workshop nur auf den Tourismus bezogen ist. Die Bewohner fallen runter.“


So kamen allerdings während dieser ersten Phase auch immer öfter die Stolberger Bürger auf den Tisch. Schließlich müssen Tourismus und Leben in der Stadt im Einklang sein. In Phase zwei des World Café bearbeiteten die Teams wieder die Themen/Fragestellungen, mit denen sie in Phase eins begonnen hatten.


Der Tischmoderator stellte die zuvor entwickelten Ansätze aller Gruppen am Tisch vor. Danach konkretisierten und priorisierten die Teilnehmer die Ideen sowie Ansätze und bereiteten die Präsentation im Plenum vor. Bei der Vorstellung der Gruppenergebnisse drehte sich letztlich alles um die Kernbereiche Burg und Natur, aber auch Industrie, denn die ist in Stolberg stark vertreten, und darauf könne man durchaus stolz sein.


Weitere Themenführungen


Weit oben auf der Prioritätenliste stehen die Erneuerung der städtischen Internetseite sowie das Einrichten weiterer Themenführungen. Bernd Steinbrecher wird die Ergebnisse in den nächsten zwei Wochen zusammenfassen und auf Grundlage dieser eine Basis für die Fortschreibung des Tourismuskonzeptes auflegen. Gemeinsam mit Barbara Breuer und Robert Voigtsberger werden die Unterlagen in den Ausschüssen vorgestellt, um danach in die konkrete Umsetzung zu gehen. „Verlieb‘ Dich neu in Deine Stadt“ war auf einer Stellwand zu lesen, ein schönes Motto…


Quelle: Stolberger Nachrichten / Zeitung