Wieder günstig mit dem Bus in die City

Koalition kündigt Einführung eines Stolberg-Tarifs an. Weitere Maßnahmen zur Belebung der Innenstadt sollen folgen.

Weit mehr als 15 Millionen Euro private Investitionen sollen durch die Landeszuschüsse für die Innenstadt ausgelöst werden.Foto: J. Lange
Weit mehr als 15 Millionen Euro private Investitionen sollen durch die Landeszuschüsse für die Innenstadt ausgelöst werden.Foto: J. Lange

Sie sind Männer der ersten Stunde. Ob als Vertreter ihrer Partei oder als Mitglied des Stadtrates, Paul M. Kirch und Rolf Engels engagieren sich schon immer für die Innenstadt. In den meisten Jahren ist das eine schwierige Angelegenheit; der Stadt fehlt Geld, um gestalten zu können. Viele Ideen und Anregungen landen in Papierkörben, nur die wenigsten finden sich in Schubladen wieder, aus denen sie langsam hervorgeholt und auf Realisierbarkeit überprüft werden können.


Stolberg überregional bewerben


Bereits vor sieben Jahren laufen in der Kupferstadt die Arbeiten zu einem integrierten Innenstadtkonzept an. Der Christ- und der Sozialdemokrat sind von Anfang an dabei, suchen gemeinsam mit Kollegen aus anderen Fraktionen, Verwaltung und Vertretern der Deutschen Stadt- und Grundstücks-

entwicklungsgesellschaft nach Wegen zu einer nachhaltigen Wiederbelebung der Innenstadt. Und jetzt sind die Stolberger auf einmal schon mitten drin in den Projekten, die dem Zentrum neuen Schub geben sollen. Noch sieht man wenig, in den nächsten Wochen wird die Politik noch Detailentscheidungen treffen müssen.


„Aber wir sind auf einem guten Weg“, zeigen sich Engels und Kirch zuversichtlich, „die Probleme am Herzen Stolbergs heilen“ zu können. Angesichts des Umfangs der „Erkrankung“ ist der Optimismus Zwangsvoraussetzung für den Heilungserfolg. Denn was würde aus Stolberg, wenn das Herz aufhören würde zu schlagen?


Darüber wollen die beiden Politiker in der städtischen Lenkungsgruppe erst gar nicht nachdenken müssen. Als Teilnehmer des Stärkungspakts, mit den Zuschüssen aus der Städtebauförderung und mit ihrer breiten politischen Basis will die große Koalition den umfassenden Handlungsbedarf in der Innenstadt anpacken. Anfang des nächsten Jahres rollen die Bagger an am Bastinsweiher und am Kaiserplatz, dann folgen die Umgestaltung der Rathausstraße sowie Maßnahmen im Steinweg und am Willy-Brandt-Platz. Rund elf Millionen Euro öffentliche Zuschüsse bis 2020 sollen weitere 15 Millionen Euro private Investitionen anstoßen – Minimum.


Aber das alles wird nicht ausreichen, ein ganzes Bündel weiterer Aktivitäten ist erforderlich, um die Gesundung der Innenstadt zu begleiten. Einen geradezu ganzheitlichen „medizinischen“ Ansatz verfolgen Kirch und Engels dabei und schenken erst einmal dem Aachener Verkehrsverbund (AVV) eine bittere Medizin ein. „Das eingeführte Flugs-Ticket ist eine Katastrophe für unsere Innenstadt“, sagt Rolf Engels und verweist auf einen Rückgang der Fahrgastzahlen in Stolberg um sieben Prozent. „Von den umliegenden Höhen kommt man nicht mehr zu einem bezahlbaren Preis in die Innenstadt“, betont Paul Kirch. Und ehemalige Buskunden halten die heute verlangten 2,65 Euro statt früherer 1,50 Euro für die gleiche Strecke schlichtweg für eine Frechheit. Die Taxi-Fahrt im gleichen Gebiet ist für fünf Euro zu haben.


Eine gute Anbindung an den Öffentlichen Personennahverkehr zu vertretbaren Preisen, haben sich die Koalitionäre auf die Fahnen geschrieben. Sie fordern die Einführung eines Stolberg-Tarifs. Das kostet! Die Einführung einer abgesenkten Stadtpreisstufe im gesamten Stadtgebiet würde je nach Fahrpreis die Kosten für die Kupferstadt minimieren. Kostet die Stadtfahrt 2,20 Euro, wird mit einem geringeren Erlös zwischen 30 000 und 40 000 Euro gerechnet, bei 2 Euro liegt er zwischen 50 000 und 70 000 Euro und bei 1,80 Euro zwischen 70 000 und 90 000 Euro; eine City-XL-Kurzstreckenzone zum Preis von 1,60 Euro müsste mit 95 000 Euro subventioniert werden. Diese Zahlen legte der AVV im Januar vor. Heute sagt Engels, der tatsächliche Zuschussbedarf sei geringer. Das hätte eine erneute Kalkulation ergeben. „Und wenn die Fahrgäste zurückgewonnen werden, wird‘s noch günstiger“, sagt Engels. Aber noch in diesem Jahr soll „die Entscheidung zur Einführung eines Stolberg-Tickets fallen“, kündigen die „Stadtplaner“ der Koalition an. Dass neben einer Neugestaltung von Straßen und Plätzen private Investitionen in Geschäfte und Wohnungen erfolgen, dass eine attraktive (Außen-)Gastronomie gefördert werden, dass zeitgemäßer Wohnraum für Jung und Alt geschaffen werden und dass die touristische Vermarktung weiter vorangetrieben werden müssen, ist für Engels und Kirch eine Selbstverständlichkeit. „Gutes tun und darüber reden“ wird aber aus ihrer Sicht in Stolberg bislang zu klein geschrieben.


„Wir müssen unsere Erfolge stärker herausstellen“, sagt Kirch. Erfolge stoßen neue Aktivitäten, Interessenten und Investoren an. „Ein Schneeball-Prinzip auslösen und Aufbruchstimmung erzeugen“, nennt das Engels. Verstärkte „Werbung nach Innen und Außen“ soll gemacht werden. Vor allem soll in anderen Regionen für Stolberg geworben werden. „Wir müssen unsere Kupferstadt positiv verkaufen“, fordern die Beiden.


Und damit es demnächst auch mehr zu verkaufen gibt, sollen verstärkt „zugkräftige Veranstaltungen in die Innenstadt geholt werden“. Der Kaiserplatz wird nach seiner Umgestaltung eine wesentlich verbesserte Stätte für Konzerte, Messen und Märkte, für Veranstaltungen aller Art sein.


Ein Rahmenprogramm soll entwickelt werden, wann und womit der zentrale Platz in der Stadt bespielt wird. Auch das soll Menschen wieder verstärkt ins Herzen Stolbergs locken. Und dort, da geht nun einmal kein Weg dran vorbei, dort müssten auch wieder öffentliche Toiletten vorgehalten werden. So, wie das die älteren Stolberger von den früheren Angeboten an Frankental, Kaiserplatz und Oberstolberg vielleicht noch kennen. Allerdings barrierefrei sollen die WC‘s dann schon sein. Während für den Kaiserplatz mit dem Kiosk eine Lösung gefunden scheint, herrscht für die Notdurft in den beiden anderen Quartieren noch die helle Not vor.


Auf gutem Weg sehen Engels und Kirch dagegen die Betreuung noch vorhandener und interessierter Gewerbetreibender durch den neuen Einzelhandelsbeauftragten der Verwaltung, Frank Gilles, und Lob gibt‘s auch für das Veranstaltungsmanagement von Jürgen Gerres und die neu formierte Gesellschaft für Stadtmarketing. „Wir müssen alle an einem Strang ziehen, um die Innenstadt voranzutreiben“, fordern Kirch und Engels ein abgestimmtes Vorgehen von Geschäftsleuten, Eigentümern, Politik und Verwaltung ein. „Die Bürger sind wieder an Stolberg interessiert“, so betont es Paul Kirch, „und die Investoren sind auf die Kupferstadt aufmerksam geworden.“ Um die Aufbruchstimmung weiterhin aufrecht zu erhalten, müssten Erfolge, Projekte und Maßnahmen immer als Paket präsentiert werden. Damit die Menschen erkennen, was zusammenhängt und gemeinsam wirkt. Nur einen Wunsch haben die altbewährten Politiker noch, der etwas schwieriger zu erfüllen ist: Ein Weg im Bett der Vicht; zumindest aber ein Uferweg und eine verstärkte Einbeziehung des belebenden Elementes Wasser.


Quelle: Stolberger Nachrichten / Zeitung