Brachen sollen zu neuem Leben finden

 

Ein strategisches Kernstück: Dem Erweiterungsgelände von Saint Gobain und dem Areal der Feuerfeste Peters nahe dem Hauptbahnhof wird Bedeutung sowohl für die Wirtschaftsförderung wie auch für die Verkehrserschließung beigemessen.
Ein strategisches Kernstück: Dem Erweiterungsgelände von Saint Gobain und dem Areal der Feuerfeste Peters nahe dem Hauptbahnhof wird Bedeutung sowohl für die Wirtschaftsförderung wie auch für die Verkehrserschließung beigemessen.

Zumeist sind sie absolute Schandflecken im Stadtbild, Sorgenkinder für Anlieger wie für Eigentümer, und doch bieten sie ein erhebliches Potenzial: Brachflächen, einst industriell oder gewerblich genutzt, bietet die Kupferstadt reichlich. Trotz ihrer strategisch günstigen Lage scheiterte bislang eine Reaktivierung der Flächen und Gebäude aus unterschiedlichen Gründen. „Wir müssen alle Anstrengungen unternehmen, um diese Brachen wieder einer neuen Nutzung zuführen zu können“, hat Tim Grüttemeier dem Leerstand und Verfall den Kampf angesagt – sowohl aus Gründen des Stadtbildes wie auch der Wirtschaftsförderung.

 

Stolberg soll sich bewerben um die Aufnahme in den Flächenpool NRW: Dahinter verbirgt sich eine Initiatives des Landes zur Mobilisierung von Brachflächen. „Die unterschiedlichen Flächenbedarfe zu steuern und übereinzubringen, ist Aufgabe der Stadtentwicklung“, sagt Städtebauminister Michael Groschek. Die Brachflächen bieten „ein riesiges Potenzial, das es im Sinne einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Stadtentwicklung zu nutzen gilt“. Dabei biete das Land mit dem Flächenpool ein Verfahren an, das eine Reaktivierung im Konsens zwischen Stadt und Eigentümern anstrebe. Eine fachliche und neutrale Moderation soll dabei in einer ersten Findungsphase zwischen den unterschiedlichen Interessen vermitteln und Aktivierungschancen nebst deren Kosten ausloten.

 

Sind sich die Beteiligten grundsätzlich einig, sollen in einer zweiten Qualifizierungsphase konkrete Entwicklungschancen ausgearbeitet werden. In der dritten sogenannten Bindungsphase sollen konkrete Konzepte, erforderliche Untersuchungen, Bauleitplanung und vertragliche Regelungen abgestimmt und die Umsetzung angestoßen werden. Während die erste Phase kostenfrei ist, muss die Stadt für die zweite Phase einen Kostenanteil von bis zu maximal 21 000 Euro aufbringen. Der finanzielle Aufwand der dritten Phase ist abhängig von den individuellen Projekten. Der Ausschuss für Stadtentwicklung berät in seiner Sitzung am 4. September über die Initiative der Verwaltung.

 

Flächenpool kooperiert mit der NRW.Urban, dem Nachfolger der Landesentwicklungsgesellschaft, die in den 80er und 90er Jahren federführend war bei der Sanierung der Stolberger Altstadt, sowie mit der Bahnflächenentwicklungsgesellschaft des Landes.

 

Für die Bewerbung um die Aufnahme in den Flächenpool des Landes hat die Verwaltung die wohl gravierendsten acht Brachen mit einer Fläche von über 38 Hektar aufgenommen:

 

- Feuerfeste Peters / Saint Gobain Erweiterungsfläche: Sie umfasst mit 18,58 Hektar die größte Industriebrache im Stadtgebiet zwischen Inde, Münsterbach- und Probsteistraße. Während der Glasproduzent seine Erweiterungsfläche – auf dem Gelände des früheren Lokschuppens – im Wesentlichen nicht nutzt, stehen große Teile der Feuerfeste Peters leer. 1997 hatte die 1870 erbaute Fabrik für feuerfeste Produkte Konkurs angemeldet. Sie gilt in Stolberg als der Schandfleck schlechthin, was um so tragischer empfunden wird, weil das zerfallende Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft des Hauptbahnhofes an einer der wichtigsten Einfallschneisen der Kupferstadt liegt. Mehrfach hatten Politiker in der Vergangenheit eine Aktivierung der Flächen gefordert. Ihnen bescheinigen Stadtplaner großes Potenzial – insbesondere angesichts der unmittelbaren Nähe des Bahnanschlusses ebenso wie der Landesstraße 238. Bei der Entwicklung von Camp Astrid wurde vorgesehen, das Gewerbegebiet mit einer Brücke über die Rhenaniastraße und quer durch das Gelände direkt mit der Eschweilerstraße zu verbinden.

 

  • Gewerbepark Münsterbusch: Das 12 Hektar große Gelände wird nur teilweise durch Gewerbe genutzt. Großes Problem sind die Eigentumsverhältnisse und die Altlast des Haldenplateaus (wir berichteten in unserer gestrigen Ausgabe).
  • Zincoli-Gelände: Vier Hektar stehen zwischen Cockerill-, Mauerstraße und Schellerweg eigentlich bereit für die Ansiedlung eines Bau- und Gartenmarktes. Die von der Strabag als Investor bislang geplante zusätzliche Ansiedlung von Verbrauchermärkten wurde vom Stadtrat vor wenigen Monaten aber abgelehnt, weil dies eine Förderung der Reaktivierung der Innenstadt verhindern würde. Bis Ende des Jahres soll die Strabag nun mögliche Alternativen ausloten, die keine Auswirkungen auf die Innenstadt haben dürfen – die Chancen gelten als gering.
  • Fabrik Wimmer: Bis 2006 produzierte die pharmazeutische Fabrik Wimmer in Büsbach auf 1,2 Hektar Gummiprodukte. Von der Bischofstraße bis zum Lehmkaulweg erstreckt sich das nur noch teilweise genutzte Gelände, das von Wohnbebauung umgeben ist. Dieser Umstand gilt ebenso als eine Schwierigkeit für eine Reaktivierung des Areals wie früherer Bergbau. 2008 scheiterte der Vorstoß eines Projektentwicklers aus Baden-Württemberg, der einen Discountmarkt sowie Wohnbebauung errichten wollte.
  • Schleicher-Gelände: Klaus Schleicher hat wahrlich kein Glück gehabt mit seinen Versuchen, das 2005 durch die Konzentration des Stolberger Metallwerks frei gewordene Werksgelände an der Eisenbahnstraße zu vermarkten. Dabei hatte der Eigentümer bereits die Baugenehmigung für einen Discountmarkt als Ankermieter eines Fachmarktzentrums in der Tasche. Aber Netto sprang vor zwei Jahren kurzerhand ab, als der Kistenplatz wenige hundert Meter weiter als Einkaufszentrum entwickelt wurde. Zwischenzeitlich hatte der Stadtrat auch ein Veto eingelegt, als ein Spielcasino als weiterer Nutzer hinter der denkmalgeschützten Fassade des Werkes einziehen sollte. Erschwert durch die städtischen Beschränkungen zur Ansiedlung von Einzelhandel außerhalb der Kernstadt versucht Schleicher nun seit sieben Jahren bislang vergeblich die 1,1 Hektar in unmittelbarer Nachbarschaft zum historischen Kupferhof seiner Familie einer Nutzung zuzuführen.
  • Tennishallen: Immerhin 0,8 Hektar groß ist das Gelände der Tennishallen an der Ecke von Kesselschmiede und Schellerweg. Seit dem Frühjahr 2013 wird die Anlage nicht mehr betrieben. Seitdem sucht die Familie Meyer aus Alsdorf nach einer Nachfolge-Nutzung. Eine Einbeziehung des Geländes in die Zincoli-Entwicklung scheiterte. Mit einem Bebauungsplanverfahren schließt die Stadt an dem Standort Einzelhandel aus.
  • Kartonagefabrik Hoyer: 2001 wurde der Schlussstrich unter die Ära der Kartonagefabrik an der Prämienstraße gezogen. Das Projekt „Wohnen und Arbeiten“ wollte dann ein Investor aus Eschweiler realisieren. Realisiert wurde lediglich der Bau von einer Handvoll Eigenheimen auf dem Freigelände. Neues Gewerbe zog nie in das zunehmend zerfallende Fabrikgebäude. Zuletzt 2002 war die Rede von einem Dienstleistungszentrum mit Ateliers und Praxen. Zwei Jahre später sah der Investor kein Vermarktungspotenzial mehr. 2007 übernahm die BAG Bankaktiengesellschaft aus einer Zwangsversteigerung die Immobilie auf einer Fläche von gut 0,36 Hektar.

 

2009 wollte ein Investor die Fabrik in ein barrierefreies Wohnobjekt umwandeln. Die Hinterlassenschaften des Bergbaus schraubten die Investitionskosten in die Höhe; ein Jahr später kam das Aus. 2013 fasste der Rat den Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan, der auf dem Gelände zentrenrelevanten Einzelhandel ausschließt. In all den Jahren nicht abgerissen sind die Klagen von Anwohnern über den Zerfall des Fabrikgebäudes, wilden Müll und jugendlichen Zeitgenossen, die ihr Unwesen auf dem Gelände treiben.

 

  • Grünenthal: Während das Pharmaunternehmen seinen Stammsitz an der Steinfeldstraße fein herausgeputzt hat, wird der Werksteil II an der Zweifaller Straße seit 2012 nicht mehr für die Produktion genutzt. Das Gelände umfasst zwar nur 0,1 Hektar, aber das Gebäude bietet in bis zu acht Stockwerken jede Menge Produktionsflächen. Die Suche von Grünenthal nach einer Nachfolge-Nutzung blieb bislang erfolglos. Das benachbarte Schwesterunternehmen Dalli hat bereits abgewunken.