Bürgermeister im Interview mit der Stolberger Zeitung; Tim Grüttemeier will Stolberg nun aufblühen lassen

Will auch an der Identifikation der Stolberger mit ihrer Stadt arbeiten: Der neue Bürgermeister Dr. Tim Grüttemeier.
Will auch an der Identifikation der Stolberger mit ihrer Stadt arbeiten: Der neue Bürgermeister Dr. Tim Grüttemeier.

Mehr Sauberkeit und Blumen in der Kupferstadt und Vorfreude auf engagierte Wirtschaftsförderung. Bürgermeister Dr. Tim Grüttemeier im Interview.

Auf den ersten Blick fällt auf, dass eine neue Ära im Rathaus begonnen hat. Ferdi Gatzweiler hat sein Stollenwerk-Gemälde der Burg wieder mit nach Hause genommen, als er das Bürgermeister-Zimmer räumte. Dort hängt nun ein modernes Burg-Portrait mit starken Rot-Tönen. Ein Poster der Golden-Gate-Brücke sowie eine Inhaber-Schuldverschreibung der Alemannia zieren die gegenüberliegende Seite des Büros. Die neuen Möbel sind noch nicht geliefert, aber wenige Tage nach der Vereidigung von Dr. Tim Grüttemeier ist schon ein neuer Wind in der Führungsetage des Rathauses zu spüren. Jürgen Lange sprach mit dem neuen Stolberger Bürgermeister.

Warum haben Sie sich für dieses Bild der Burg entschieden?

Grüttemeier: Ich habe es bei meiner Vorstellungsrunde im Rathaus vor dem Standesamt entdeckt. Es sollte erst einmal nur die leere Wand hinter dem Schreibtisch zieren. Mittlerweile gefällt es mir richtig gut und wird seinen Platz dort behalten.

Wie sind Sie im Rathaus aufgenommen worden?

Grüttemeier: Ich habe meine Vorstellungsrunde durch die Verwaltung, Kindergärten, Feuerwehr und das Technische Betriebsamt jetzt bis auf ganz wenige Ausnahmen abgeschlossen. Sie diente zu einem ersten Kennenlernen, und ich wurde sehr freundlich aufgenommen. Es war sehr interessant mit vielen guten Gesprächen. Nach den Sommerferien werde ich noch die Schulen und die Kindergärten in freier Trägerschaft besuchen.

Über was spricht man dann denn so?

Grüttemeier: Ich hatte erwartet, dass ich öfter auf ein kaputte Fenster oder einen anderen Mangel angesprochen werden würde. Aber wir haben intensiv über Inhalte geredet. Beispielsweise in den Tageseinrichtungen. Ich war positiv überrascht, dass die sozialen Probleme in manchen Bezirken geringer sind als vermutet.

Kannten Sie denn schon alle Mitarbeiter der Stadtverwaltung?

Grüttemeier: Ich kenne aus meiner politischen Arbeit sicherlich die auf den Leitungsebenen und viele andere Kollegen im Hause. Aber auf Sachbearbeiter-Ebene war es schön, auch denjenigen zu begegnen, die ich noch nicht kannte.

Wie war die Begegnung mit dem Personalrat der Stadtverwaltung?

Grüttemeier: Auch dort bin ich sehr freundlich aufgenommen worden, und wir haben bereits gemeinsam die ersten Probleme gelöst. Ich bin mir sicher, dass die Arbeit mit dem Personalrat sehr vertrauensvoll und konstruktiv sein wird.

Müssen sich die Bediensteten denn jetzt wieder auf einen großen Umzug einstellen, wenn Sie neue Verwaltungsstrukturen einrichten?

Grüttemeier: Ich möchte einen großen Umzug vermeiden und in Abstimmung mit dem Personalrat auch schnell Klarheit schaffen. Zum 1. Oktober soll die neue Struktur umgesetzt werden. Der Rat soll auf seiner nächsten Sitzung am 9. September über die beiden neuen Beigeordneten entscheiden. Sie sollen dann allerdings ihr Büro im Kreise ihres Dezernates finden, damit die Dienstwege kürzer und die Kommunikation besser ist. Das war auch die Resonanz der Gespräche mit der Belegschaft.

Wie erfolgt die Auswahl aus den Bewerbungen?

Grüttemeier: Die Bewerbungsfrist läuft bis zum 8. August. Aus den Bewerbungen wird der Koalitionsausschuss anhand der Qualifikation konkrete Kandidaten aussuchen und zu Gesprächen ins Rathaus einladen. Es soll aber ein ehrliches und würdiges Verfahren und kein Schaulaufen werden. Es gibt keinerlei Kandidaten in der Hinterhand.

Bürgermeisterreferentin Petra Jansen hat als Leiterin des Schulverwaltungsamtes die Nachfolge von Udo Griese angetreten. Wie regeln Sie ihre Nachfolge?

Grüttemeier: Derzeit unterstützt mich Frau Jansen noch in der Übergangsphase, wofür ich sehr dankbar bin. In Absprache mit dem Personalrat übernimmt zum 1. August Robert Walz diese Aufgabe. Er ist Stolberger, Politikwissenschaftler und hat im Rahmen seines Studiums für die Stolberger CDU-Fraktion, später für Armin Laschet im Integrations-Ministerium sowie für Sabine Verheyen in Brüssel gearbeitet. Derzeit ist Robert Walz noch Junior-Professor an der Universität in Seoul in Südkorea. Mitte August folgt aus meiner bisherigen Kanzlei Stefanie Hilger, die im Büro die Stelle von Angelika Franzen übernimmt, die vor kurzem zur Volkshochschule gewechselt ist. Brigitte Stühlen mit ihrer langjährigen Erfahrung im Rathaus bleibt erfreulicherweise im Bürgermeisterbüro.

Ist Ihnen der Abschied von der Kanzlei schwer gefallen?

Grüttemeier: Es ist schon eine große Umstellung. Nach der Wahl habe ich bis zum 20. Juni mit meinen Mandaten gesprochen und alle Akten an meine Kollegen in der Kanzlei übergeben. Das war schon stressig. Seit dem 22. Juni ruht meine Zulassung als Rechtsanwalt, und ich bin als Partner aus der Kanzlei ausgestiegen, damit es eine glasklare Trennung zur neuen Dienststellung gibt. Am 23. Juni habe ich meine Arbeit im Rathaus aufgenommen. Seitdem habe ich mindestens einen 13-Stunden-Tag, fange um 7.30 Uhr an und habe den Kalender bis in den Abend hinein mit Terminen gefüllt.

Ist das nicht ein völlig anderes und neues Arbeiten?

Grüttemeier: Das ist schon eine Umstellung, weil der Tagesablauf völlig anders strukturiert ist. Aber es macht mir große Freude, dass ich mein Hobby als Politiker zum Beruf machen konnte. Ein Vorteil ist sicherlich, dass ich aus den letzten Jahren von der Führung der großen Koalition her nahezu alle wichtigen Vorgänge und Themen zumindest schon kenne.

Was waren denn die ersten Themen, die Sie in Ihren ersten Tagen bereits angepackt haben?

Grüttemeier: Aus eigener Anschauung und aus den Reaktionen der Bürger in den vergangenen Wochen weiß ich, dass ihnen die Sauberkeit unserer Stadt sehr am Herzen liegt. Sauberkeit und Optik sind sicherlich immer eine Momentaufnahme und ein subjektives Empfinden, aber Verbesserungen sind dringend erforderlich. Ich habe mit Georg Paulus, dem Leiter des Technischen Betriebsamtes, über eine Optimierung des Managements für Sauberkeit und Grünflächen gesprochen.

Was ist das Ergebnis?

Grüttemeier: Er arbeitet nun ein Konzept aus. Ziel ist es, dass jede Kolonne ihr eigenes Revier erhält. Es ist nun die Frage, wie das personell, finanziell und organisatorisch gelöst wird. Ich habe festgestellt, dass bisher viel Geld für Vergaben an externe Unternehmen ausgegeben wurde. Das müssen wir neu justieren, damit das Betriebsamt besser, günstiger und flexibler agieren kann. Möglicherweise muss mehr Personal her, wobei wir die Kosten durch die Einsparungen bei den externen Vergaben kompensieren können. In jedem Fall sollen die Stolberger schon bald mehr blühendes Grün in ihrer Stadt und an den Einfallstraßen erblicken können.

Die Mitarbeiter des Betriebsamtes machen ja bisher auch die Stadt sauber; nur der Erfolg hält oft nicht lange vor.

Grüttemeier: Das stimmt. Deshalb habe ich auch mit dem Ordnungsamt gesprochen. In Zukunft sollen die Servicekräfte konsequenter gegen Umweltsünder vorgehen und auch entsprechende Bußgelder verhängen. Wir prüfen derzeit, ob wir dazu auch die Satzung überarbeiten müssen. Eine saubere Stadt funktioniert nur, wenn auch die Bürger ihren Teil dazu beitragen und eingebunden sind.

Wie soll das geschehen?

Grüttemeier: In einigen Bereichen unserer Stadt ist es ja bereits heute so, dass sich die Anwohner freiwillig um die Sauberkeit in ihrer Straße kümmern. Wir möchten eine Regelung analog zum Winterdienst in die Satzung aufnehmen, dass Anlieger dort von den Straßenreinigungsgebühren befreit werden können, wo sie die Sauberkeit der Straßen selbst garantieren und dies organisatorisch möglich ist.

Im Wahlkampf haben Sie sich auch die Wirtschaftsförderung auf ihre Fahnen geschrieben. Sind Sie hier bereits aktiv geworden?

Grüttemeier: Selbstverständlich. Kurz vor unserem Interview hatte ich einen Gesprächstermin mit Vertretern der Wirtschaftsförderungsgesellschaft, der Städteregion, der Kammern und der Hochschulen. Sie waren regelrecht begeistert, dass sich die Kupferstadt endlich in den regionalen Netzwerken engagieren und sie zur Pflege der ansässigen und Akquise neuer Unternehmer nutzen will.

Haben Sie auch schon über konkrete Dinge gesprochen?

Grüttemeier: Ja. Es ist schon bemerkenswert, das Stolberger Unternehmer selbst ein Netzwerk gründen mussten, um miteinander besseren Kontakt zu haben. An diesem Knotenpunkt wird sich jetzt auch die Stadt einbringen und das Stolberger Unternehmer-Netzwerk ausbauen und betreuen. Wir möchten dazu beispielsweise einen Stammtisch oder ein Unternehmerfrühstück einführen, bei der man sich zwanglos über Themen austauschen, aber auch konkrete Probleme oder Projekte ansprechen kann. Ich werde persönlich aber auch regelmäßig die Unternehmen besuchen. In der Verwaltung soll es einen festen Ansprechpartner geben.

Wie soll das aussehen?

Grüttemeier: Wir werden einen konkreten Ansprechpartner benennen, der als eine Art Lotse fungiert. Er soll die Unternehmer bei der Hand nehmen und sie bei allen Projekten und Anliegen durch den Dschungel der Behörden und dem Erschließen von unterschiedlichen Fördermöglichkeiten begleiten. Insbesondere für Existenzgründer ist es immer sehr schwierig, sich auf diesen Feldern zurecht zu finden. Mein Ziel ist es, neue Arbeitsplätze für Stolberg zu akquirieren und bestehende erhalten zu helfen.

Kann das Wirtschaftsförderungsamt diese Aufgaben leisten?

Grüttemeier: Ich muss jetzt sehen, ob das Amt personell aufgestockt werden muss oder andere Aufgaben verlagert werden können. Es zählt ja nicht zu den klassischen Aufgaben einer Wirtschaftsförderung, Weihnachtsmärkte und Stadtfeste zu organisieren. Diese Frage werde ich mit der Neustrukturierung der Verwaltung bis zum Herbst lösen. Ich bin jedenfalls bei meinen Gesprächen in diesem Amt auf sehr motivierte Mitarbeiter gestoßen, die sich freuen, wenn sie nun richtig in die Wirtschaftsförderung einsteigen können.

Was soll denn nun anders werden?

Grüttemeier: Wir wollen das Dienstleistungszentrum aus seinem Dornröschenschlaf erwecken und es wieder mit Veranstaltungen, Aktivitäten und Akquisen stärker in Szene setzen. In Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Städteregion wird eine zeitgemäße Vermarktung des Gewerbegebietes Camp Astrid geplant. Dort soll auch zügig ein vernünftiger Anschluss an das Breitbandnetz aufgebaut werden. Wie bereits von der großen Koalition vor der Wahl eingestielt, soll es im Herbst eine Initialveranstaltung zur Wirtschaftsförderung mit Professor Dr. Dr. Marcus Baumann, dem Rektor der Aachener FH, rund um die Rekrutierung von Fachkräften und die Nutzung der Ressourcen der Hochschule durch Unternehmen geben. Das sind erste Ansätze, die dann weiter mit Leben gefüllt werden müssen.

Auch die Innenstadt ist ein Fall für die Wirtschaftsförderung.

Grüttemeier: Dort warten in der Tat einige Themen auf Lösungen. Ich habe erste Gespräche geführt; es kommt noch viel Arbeit auf uns zu.

Dieter Wolf, der Vorsitzende der SPD-Fraktion, hat bei der Vorstellung des Koalitionsvertrages gesagt, dass seine Partei sie in die Pflicht nimmt, für die versprochenen neuen Ideen und den frischen Wind zu sorgen.

Grüttemeier: Ich lasse mich gerne in diese Pflicht nehmen. Ich bin mir bewusst, dass die Erwartungshaltung in der Bürgerschaft sehr hoch ist. Es sind sehr viele Probleme zu lösen. Das werde ich innerhalb eines Monats natürlich nicht schaffen können. Die Stolberger werden mir schon ein wenig Zeit einräumen müssen. Aber wenn die Situation unserer Stadt in den sechseinhalb Jahren meiner Amtsperiode nicht besser geworden ist, bräuchte ich mich dann auch nicht mehr der Wahl zu stellen.

Sie sind seit zwei Wochen im Amt. Nun beginnen die Sommerferien. Wann macht Stolbergs neuer Bürgermeister Urlaub?

Grüttemeier: Erst im Herbst steht ein Urlaub mit meiner Familie an. In den Sommerferien wird gearbeitet.