Wirtz holt zwar Stolberg, aber...

... der Christdemokrat unterliegt dem Sozialdemokraten Stefan Kämmerling erneut beim Kampf um das Landtagsmandat. Diese Wahlnacht ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen in der Kupferstadt wie im Wahlkreis.

Letzte Gewissheit gibt es erst um 21.54 Uhr, als Tim Grüttemeier erstmals als Wahlleiter des vorläufige Stolberger Endergebnis verkündet. Ein Raunen geht durch den Ratssaal, als die erste Hochrechnung auf Landesebene präsentiert wird. Foto: Lange/Gombert
Letzte Gewissheit gibt es erst um 21.54 Uhr, als Tim Grüttemeier erstmals als Wahlleiter des vorläufige Stolberger Endergebnis verkündet. Ein Raunen geht durch den Ratssaal, als die erste Hochrechnung auf Landesebene präsentiert wird. Foto: Lange/Gombert

Um 21.32 Uhr kann Stefan Kämmerling aufatmen. Es fehlt nur noch ein Stimmbezirk aus Stolberg. Im Wahlkreis Breinig II gibt es Unstimmigkeiten mit ungültigen Stimmen. Wahlamtsleiter Walter Wahlen bricht dorthin auf, um den Gordischen Knoten zu zerschlagen.

 

Zu diesem Zeitpunkt liegt Axel Wirtz in seiner Heimatstadt noch hauchdünn vorne: mit 57 Stimmen oder 0,23 Prozentpunkten. Aber Stolberg ist nun einmal nur eine Stadt im Wahlkreis Aachen IV. Dort gibt es in den drei Nordeifel-Kommunen eine dicke schwarze Mehrheit, während wie gewohnt in Eschweiler die SPD deutlich vorne liegt. Aber bei 119 ausgezählten Stimmbezirken hat der sozialdemokratische Wahlkreisinhaber 368 Stimmen Vorsprung. Das sind zwar auch nur 0,51 Prozentpunkte, aber diese Mehrheit wird das Ergebnis aus Breinig nicht mehr umstoßen können. Das Duell ist entschieden. Stefan Kämmerling bleibt im Landtag; Axel Wirtz scheidet aus, denn mit dem Listenplatz 43 hat er bei diesem Ergebnis auf Landesebene keine Chance, über die Landesliste direkt wieder ein Ticket nach Düsseldorf zu erhalten. Nach knapp 18 Jahren geht für den Gressenicher kurz vor seinem 60. Geburtstag eine Ära zu Ende.

 

Wirtz und Kämmerling liefern sich an diesem Wahlabend ein so krimireifes Duell, wie es ein „Tatort“ oder „Polizeiruf“ an einem Sonntagabend nicht bieten kann. Ein Raunen geht durch den Ratssaal, als kurz nach Schließung der Wahllokale die erste Prognose und Hochrechnung über den Bildschirm flimmern. Um 18.34 Uhr liegt mit dem Briefwahlbezirk I das erste Stolberger Ergebnis vor: 39,18 zu 38,44 Prozent zugunsten von Kämmerling. Mit dem Eintreffen der Wählermeinung aus den südlichen Stadtteilen zieht Wirtz leicht an Kämmerling vorbei, baut seinen Vorsprung aus. Aber er schrumpft wieder. Bei den letzten zehn Stimmbezirken liefern sich die beiden Bewerber ein Kopf-an-Kopf-Duell. Zeitweise sind es nur sieben Stimmen, die Axel Wirtz in seiner Heimatstadt vorne liegt. Um 21.54 Uhr liegt endlich auch das Ergebnis aus Breinig und somit für den Wahlkreis IV vor. Axel Wirtz hat zwar in der Kupferstadt einen hauchdünnen Vorsprung von 119 Stimmen (0,47 Prozentpunkte), aber das Landtagsmandat behält Stefan Kämmerling. Es sind 306 Stimmen Vorsprung (0,42) bei 111 118 Wahlberechtigten bei einer Beteiligung von 66,7 Prozent bzw. 63,7 Prozent bei 40 995 Wahlberechtigten in Stolberg. Und damit erreicht diese Landtagswahl fast eine Beteiligung wie in 2005 mit 65,4 Prozent in der Kupferstadt.

 

Im Vergleich zu 2012 hat Axel Wirtz viel Boden gut gemacht – auch in typisch roten Bezirken. Unter dem Strich sind es vier Prozentpunkte, die der Christdemokrat gewinnt, während Stefan Kämmerling 4,92 Punkte einbüßt. Aber das Ergebnis der Zweitstimmen ist noch deutlicher. Die CDU gewinnt 5,78, die SPD verliert 5,93 Punkte: Aber die Genossen bleiben mit 34,74 Prozent vor den Parteifreunden mit 32,70 Prozent – das ist ein Vorsprung von 526 Stimmen. Vor fünf Jahren betrug er noch 3261 Stimmen.

 

Bei den Zweitstimmen in Stolberg gewinnt die FDP 4,32 Punkte und erreicht mit 11,99 Prozent fast ihr Landesergebnis. Die Grünen verlieren 3,76 Punkte und rutschen mit 4,65 Prozent unter die Hürde, ebenso wie die Linken, die 4,11 Prozent 1,77 Punkte zugelegt haben. Die Piraten verlieren 7,81 Punkte und rutschen mit weniger als einem Prozent in die Bedeutungslosigkeit ab.

 

Aber dramatisch sind auch in der Kupferstadt die Zugewinne der AfD. Sie kommt mit 1833 Stimmen auf Anhieb auf 7,31 Prozent. Selbst bei den Erststimmen gibt es 1564 (6,08 Prozent) Wähler. Die größte Zustimmung erfährt die AfD in Unterstolberg II, der Velau und Donnerberg I mit mehr als zehn Prozent. Zudem entfallen 143 Stimmen (0,56 Prozent) auf die NPD und 15 Stimmen (0,06 Prozent) auf die Republikaner.

 

Hochburgen der Liberalen sind Breinigerberg, Breinig I und Zweifall mit mehr als 14 Prozent. Die Grünen kommen in Breinig I und Venwegen über acht Prozent, eine Marke, die die Linken in der Velau und in Oberstolberg überspringen.

 

Aber es hätte auch eine Stimme mehr geben können, die an diesem Ergebnis nichts Wesentliches mehr geändert hätte. Kurz nach 18 Uhr will noch ein Wähler in Oberstolberg seine Stimme abgeben. Derweil klingt im Ratssaal der Wahlabend harmonisch in interfraktioneller Runde aus – nachdem Tim Grüttemeier erstmals als Wahlleiter das Ergebnis verkündet.

 

Quelle: Stolberger Nachrichten / Zeitung