Jugend und Erfahrung bringen den richtigen Schwung in den Rat

Im Stolberger Stadtrat ist vermehrt die „jüngere Generation Politiker“ vertreten – hier in loser Platzverteilung. Foto: L. Franzen
Im Stolberger Stadtrat ist vermehrt die „jüngere Generation Politiker“ vertreten – hier in loser Platzverteilung. Foto: L. Franzen

Aus dem Stadtrat Zukunft gestalten – und sie auch erleben


Ist das Alter von Politikern das wichtigste Qualitätssiegel? Sechs Stolberger Kommunalpolitiker haben sich zu dem Thema geäußert.

 

34, 33, 31, 22, 71, 71 – so lauten die Altersangaben im Stolberger Stadtrat; angefangen beim Bürgermeister über vier Fraktionsvorsitzende bis hin zum Alterspräsidenten. Der geschulte Blick erkennt: Diese Positionen besetzen zwei Politikergenerationen. Und die jüngere ist dort in der Mehrheit. Wie beurteilen die Politiker selbst diese Altersstruktur?

Bürgermeister Tim Grüttenberg (CDU), 34 Jahre alt, führt die jüngere Generation im Stadtrat an. Dass sein Stellvertreter Patrick Haas (SPD) und der CDU-Fraktionsvorsitzende Jochen Emonds 33 beziehungsweise 31 Lenzen zählen, erleichtere seiner Meinung nach den persönlichen Umgang, auf die politische Zusammenarbeit habe dies aber keinerlei Auswirkungen. Hinsichtlich einer möglichen Priorisierung politischer Themen in der Kommune äußert Grüttemeier: „Jeder bringt persönliche Erfahrungen mit, was eine Stadt benötigt. Ich bin wegen meiner zwei Kinder näher am Betreuungsplan.“ Das hieße jedoch im Umkehrschluss nicht, dass andere Themen „im Stich gelassen“ werden – generationsübergreifendes Denken gebe die Marschroute vor. Sein relativ junges Alter hat aber derweil den Wahlkampf beeinflusst: Er habe das Internet und die sozialen Medien mehr eingebunden. Bezüglich der Strahlkraft junger Politiker auf Plakaten findet der Bürgermeister, dies könne eine positive Auswirkung auf potenzielle Erstwähler haben. „Erstwähler erreicht man eher durch die junge Politiker-Generation.“


Die Außendarstellung der Stolberger Politik, so Patrick Haas, habe von dem neuen Altersschnitt in den wichtigen Positionen profitiert. „Unsere Stadt hat nach außen ein eher negatives Bild, da hilft es meiner Meinung nach, wenn die Bürger sehen, dass junge Leute vorneweg gehen.“ Damit seien auch gewisse Vorschusslorbeeren verbunden, am Ende zähle aber „nur der Inhalt“. Haas gibt unumwunden zu, dass seine „Frische“ auch einen Nachtteil birgt: die Kenntnisse über die Stadt.


Nicht nur jung ist Trumpf

Bei Fragen zur Stadtentwicklung und -historie wende er sich an ältere Parteigenossen. Um weiter die jüngeren Stolberger für Politik zu begeistern, sehe er großes Entwicklungspotenzial beispielsweise in der Kooperation mit Schulen – „das richtige Angebot fehlt noch.“

Ausschließlich junge, neue Vertreter mit neuen Ideen in Rat und Fraktion sind nicht der Trumpf, der Stolberg nach vorne bringt. Dieser Ansicht ist Jochen Emonds. „Ich will sicher keinen älteren Kollegen im Rat vermissen.“ Für ihn spielt das Alter in doppelter Hinsicht eine eher unwesentliche Rolle: In Sachen Erfahrung (Emonds hat mit 18 in der Politik begonnen) und Vertrauen – das schaffe man primär durch Engagement und Ehrenamt im Wahlkreis.

Das „Küken“ unter den Fraktionsvorsitzenden ist Dina Graetz: Mit 22 Jahren ist sie bereits Partei- und Fraktionsvorsitzende der Grünen. Die parteiinterne Wahl gewann sie mit eindeutiger Mehrheit gegen die 40 Jahre ältere Anne Schwan-Hardt. Die politische Arbeit, sagt Graetz, werde für sie in den nächsten Jahren nicht die oberste Priorität genießen.

Nach dem Ingenieur-Studium wolle sie zunächst arbeiten. Auch wenn politische Ziele so vernachlässigt werden könnten, wolle sie nicht „versteifen“. „Ich lerne mehr über Politik, wenn ich nebenbei arbeite. Ansonsten würde ich eine einseitige Sichtweise bekommen.“

Graetz erhalte im Rat von den politischen Gegnern volle Unterstützung. Grüttemeier: „Wir lassen Frau Graetz auf keinen Fall gegen die Wand fahren. Ich wurde selbst mit 22 Jahren Ratsmitglied und weiß daher, wie wichtig Hilfe ist.“ Diesen Ansatz – wenn auch nicht ausschließlich wegen des Alters – teilt Ludwig Hahn, der mit 71 Jahren der „anderen“ Generation angehört und die Position des Alterspräsidenten innehat.

Man müsse generell den „politischen Gegenpol“ ernstnehmen. Ferner sollte die Argumentation überzeugen, ein „jugendliches Gesicht“ alleine tue dies nicht.


Zukunftsperspektive erleben

Dieter Wolf ist mit 71 Jahren SPD-Fraktionsvorsitzender. Wolf beurteilt es als „positiv“, dass junge Bürger wie Dina Graetz an der „Willensentscheidung teilnehmen“ – schließlich werde für die nachrückenden Generationen Politik betrieben. Selbiges gilt für die Jahrgänge, denen Grüttemeier und Co. angehören. „Mit Mitte 30 ist die heutige Zukunftsperspektive später noch erlebbar.“

Wolf weiß, dass „früher“ Spitzenpositionen der Fraktionen mit „Männern zwischen 40 und 50“ besetzt wurden. Nun gelte es für die Jungen, die „ausgelatschten Pfade zu verlassen“.


  • Tim Grüttemeier, 34, Bürgermeister: „Das beste Politikeralter gibt es nicht. Es wäre schlecht, mit 34 alles zu wissen – dann würde man keine Fehler mehr machen. Ich finde, gerade Fehler sind auch wichtig.“
  • Dieter Wolf, 71, SPD-Fraktionsvorsitzender: „Alter alleine ist kein Qualitätskennzeichen. Führende Positionen müssen mit Menschen besetzt sein, die Zukunft gestalten können. Mit erfahrenen Politikern zusammen wäre das der Idealzustand.“
  • Patrick Haas, 33, stellvertretender Bürgermeister und Lehrer: „Ich würde nicht an einer Stolberger Schule unterrichten wollen. Ein privater Einblick ist gut, aber ich will meinen Beruf räumlich von der Politik trennen.“
  • Jochen Emonds, 31, CDU-Fraktionsvorsitzender: „Das Alter in der Kommunalpolitik drückt sich vorrangig in der Außendarstellung aus. Zum Beispiel in den Flyern oder den Slogans.“
  • Dina Graetz, 22, Grünen-Partei- und Fraktionsvorsitzende: „Ich will Stolberg für Jugendliche interessanter machen, es fehlt ein Skatepark. Jugendthemen stehen aber nicht im Fokus. Mein Steckenpferd ist der Bau- und Verkehrsausschuss.“Platz genommen: Eine neue Generation im Stadtrat