„Keine Jugendpolitik nach Kassenlage"

(Stolberger Zeitung)

So soll es bleiben: Die Jugendberufshilfe hilft jungen arbeitssuchenden Menschen. Archivfoto: H. Eisenmenger
So soll es bleiben: Die Jugendberufshilfe hilft jungen arbeitssuchenden Menschen. Archivfoto: H. Eisenmenger

Erziehungshilfe und Kinderschutz: Stolberger Ratskoalition will Bandbreite erhalten. Entlastung des Haushalts durch Prävention.


Ob Stolberg in Zukunft wirklich den schönen Namenszusatz „Kinder- und familienfreundliche Stadt" tragen darf, bleibt abzuwarten. Der Wunsch von Hildegard Nießen kommt jedoch nicht von ungefähr, schließlich will die Ratskoalition trotz oder wegen der schiefen Haushaltslage und dem vor wenigen Wochen verabschiedeten Stärkungspakt den Rotstift nicht im Kinder- und Jugendbereich ansetzen. „In einzelnen Fällen verlangen Sparmaßnahmen natürlich Opfer", sagt die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende, „aber für den Jugendbereich wollen wir die Bandbreite definitiv erhalten."


Die Ratskoalition aus SPD und CDU hat sich zum Ziel gesetzt, bislang aufgebaute Strukturen zu sichern, mehr noch, durch eine langfristige präventive Politik potenzielle Kosten einzusparen und so den Haushalt zu entlasten. Konkret geht es um die Bereiche Kinderschutz (wobei ein enges Netzwerk aus Polizei, Ärzten, Schulen und Kitas Verdachtsfälle frühzeitig erkennen und bei akuter Kindeswohlgefährdung unverzüglich einschreiten soll), Erziehungshilfe, Jugendgerichtshilfe und die Unterstützung von Familien und Jugendlichen im Übergang von der Schule zum Beruf (Jugendberufshilfe). All diese Themengebiete sollen bis 2014 erhalten und in Einzelfällen - je nach Bedarf - auch ausgebaut werden.


Ein weiterer zentraler Punkt sei der Pflegekinderdienst: „Wir reden hier von einer sinnvollen Alternative zur stationären Heimunterbringung", sagt Arndt Kohn, jugendpolitischer Sprecher der SPD. Sechs neue Sozialarbeiter seien im Februar extra für die pädagogische Begleitung eingestellt worden, „es ist wichtig, dass Kinder in stabilen familiären Verhältnissen aufwachsen", wirbt auch Ben Grendel, jugendpolitischer Sprecher der CDU, um potenzielle Pflegeeltern. „Und um das zu erreichen, müssen wir eingreifen, bevor es zu spät ist." Kohn: „Durch eine stärkere Prävention können auch hier Ausgaben reduziert werden. Es muss aber genau verfolgt werden, wie die Erfolge in Einzelfällen aussehen."


Ein Eckpfeiler der Jugendhilfe ist auch die Zusammenarbeit mit den freien Trägern, SKM, SkF und AWO werden pro Jahr mit 79 000 Euro gefördert. Langfristig soll der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) noch stärker auf den Bereich Beratung fokussiert werden. Paul M. Kirch (CDU) sagt: „Die Unterstützung muss noch sensibler werden. Die Leute gehen heute nicht in die Ämter und sagen, dass sie Hilfe brauchen. Diese Hemmschwelle muss abgebaut werden." Fraktionskollege Hans-Josef Siebertz ergänzt: „Betroffene wenden sich eher freien Trägern zu, deshalb müssen wir dort ansetzen."


Die Arbeit des Jugendamtes und des Jugendhilfeausschusses habe sich innerhalb weniger Jahre stark gewandelt, betont Nießen. „Viele Dinge, die wir jetzt anbieten, gab es vor zehn Jahren noch gar nicht, was auch dem demografischen Wandel geschuldet ist. Wir können behaupten, dass wir im kommunalen Vergleich in der gesamten Region Spitze sind, was die Jugendarbeit angeht, diese aber ständig weiterentwickelt werden muss." Fraktionschef Dieter Wolf ergänzt: „Mit dem aktuellen Modell kann der finanzielle Aufwand langfristig weiter reduziert werden, auch wenn es vor allem im Jugendbereich keine Politik nach Kassenlage geben darf."


Einzelprojekte wie das Jugendmigrationsprojekt „JUMP", „Stolbärchen" , das Netzwerk Kinderarmut (gefördert vom Landschaftsverband Rheinland), „Generation Jugend" und die „Nacht der Ausbildung" sollen ebenso fortgesetzt werden. Die Jugendhilfe, so die Koalitionspartner, müsse langfristig mit der Schulentwicklungsplanung gemeinsam vorangebracht werden, um kommunale Fördermöglichkeiten weiterhin zu gewährleisten.


„Die Leute gehen nicht in die Ämter und sagen, dass sie Hilfe brauchen. Diese Hemmschwelle muss abgebaut werden." 
Paul M. Kirch, CDU

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