Heißere Debatten als beim TV-Duell

Die Kandidaten für die bevorstehende Bundestagswahl stellen sich im Ritzefeld-Gymnasium den Fragen der jungen Wähler.

Die Bundestagskandidaten saßen bei der Diskussion im Stolberger Ritzefeld-Gymnasium auf dem Podium, um die Schülerinnen und Schüler von ihren Argumenten zu überzeugen. Foto: L. Otte
Die Bundestagskandidaten saßen bei der Diskussion im Stolberger Ritzefeld-Gymnasium auf dem Podium, um die Schülerinnen und Schüler von ihren Argumenten zu überzeugen. Foto: L. Otte

Immer wieder stecken die Schüler die Köpfe zusammen und tuscheln hinter vorgehaltener Hand. Daraufhin folgt zumeist Gekicher, das sich schließlich irgendwo zwischen den Stuhlreihen wieder verliert. Grund für diese Reaktionen gab es allemal bei der Podiumsdiskussion zu den Bundestagswahlen am Montagmorgen im Stolberger Ritzefeld-Gymnasium. Denn so viel sei gesagt, es ging heißer und pointierter zu, als beim TV-Duell.

 

Das politische Interesse unter den Schülern ist groß. Die Möglichkeit hautnah dabei zu sein, wenn die Politiker ihre Zukunftsabsichten präsentieren, ist einmalig. So ließen es sich auch Gastschüler des Goethe-Gymnasiums, zusammen mit Schulleiter Bernd Decker, nicht nehmen, zur Veranstaltung zu kommen. „Es wird interessant, zu sehen, was die Politiker uns zukünftigen Wählern für Einblicke verschaffen werden. Vor allem bin ich gespannt, was sie gedenken, für die Jugend zu tun“, sagte Jan Heyer (16), ein Schüler des Goethe im Vorfeld.

 

Zweifellos ein Statement an die Direktkandidaten Claudia Moll (SPD), Helmut Brandt (CDU), Alexander Tietz-Latza (Bündnis 90/Die Grünen), Frank Schniske (FDP) sowie Gabi Halili (Die Linke), die ihre Plätze auf dem Podium eingenommen haben. In der Mitte von ihnen: Alina Meuser. Die 20-Jährige, die selbst 2015 ihr Abitur am Ritzefeld-Gymnasium gemacht hat, wird die Diskussion heute leiten. „Das erste Thema ist Sicherheit und Terrorismus. Und ich frage direkt mal in die offene Runde“, leitet Meuser ein: „Fühlen Sie sich sicher, wenn Sie alleine oder mit ihrer Familie Großveranstaltungen besuchen?“

 

Damit ist der Ring frei. Die Kandidaten bejahen, nur Alexander Tietz-Latza sticht mit seiner Antwort heraus. Er fühle sich nicht sicher, wisse aber, dass er sicher sei: „Was wir brauchen ist eine vernünftige innere Sicherheit und einen Verfassungsschutz, der richtig zusammenarbeitet. Am besten unter der Neuauflage eines effizienten europäischen Sicherheitssystems.“ Die Schüler lassen die Worte auf sich wirken.

 

In dem Zusammenhang kommt der Fall Anis Amri zur Sprache: Wie eine solche Tragödie verhindern? Wie mit Gefährdern umgehen? Klar, Gefährder müssten genauer beobachtet werden, das Polizeirecht bedürfe einer Überarbeitung, die Abschiebemechanismen müssten verbessert werden, macht Helmut Brandt deutlich. Aber kann man den Menschen überhaupt das Gefühl der Angst nehmen? „Nein“, gesteht Claudia Moll offen. Das könne sie nicht, weil es letztlich keine Garantie gäbe. Bilder steigen auf, als sie sich auf Schulamokläufe vergangener Tage bezieht: „Damals sind die Kinder auch weiter zur Schule gegangen.“ Dennoch untermauert Brandt, sei es die hohe Aufhabe der Politik, der Bevölkerung aufzuzeigen, dass man in der Lage ist, die Ursachen für ebenjene Ängste anzugehen und schließlich zu beseitigen.

 

Die Schüler lauschen gebannt den weiteren Ausführungen der Politiker. Bereits Wochen im Voraus haben sie sich auf den Tag vorbereitet, zusammen mit ihren Lehrern Alexander Mischlewitz (Ritzefeld-Gymnasium) und Dennis Mager (Goethe-Gymnasium). Im Unterricht wurden die Fragen erarbeitet, die Alina Meuser innerhalb der zwei Stunden auf den Tisch packt: Themen, wie Waffenexport, Migration, darunter die Bekämpfung von Fluchtursachen, „Wir schaffen das“ -Politik und Integration führen zu härteren Tönen und liefern erste Sticheleien.

 

Die Meinungen der Direktkandidaten gehen weit auseinander. Und da ist es wieder, das Bild der tuschelnden Schüler, die sich inmitten dieses Schlagabtausches ihre Meinung bilden. Obwohl das Ganze im Vergleich zu manch anderen Podiumsdiskussion sehr geordnet abläuft, weil sich nicht direkt verbal beteiligen, herrscht eine unruhige und schneidende Stimmung, irgendwie nicht wissend, wohin das alles führt.

 

Der nächste Themenblock wird angeschnitten: Soziale Gerechtigkeit. Jetzt richtet Alina Meuser das Wort unmittelbar an die Schüler: „Ihr macht jetzt bald Abitur, geht in die Ausbildung oder ins Studium, arbeitet und dann kommt die Rente.“ Völlig überrumpelt von dieser schnellen Abfolge eines Lebenslaufs, fangen alle im Raum an zu lachen. Dabei ist es Fakt, dass die aktuelle Rentenpolitik, wie sie im Moment geführt wird, zur Folge hat, dass viele Bürger in Zukunft in Altersarmut leben werden. Was wollen die Parteien also tun? „Ich bin Altenpflegerin. Das Thema Altersarmut erlebe ich also tagtäglich. Immer wieder kommt mir zu Ohren, dass es keine Altersarmut gibt. Geht mal eine Woche mit mir arbeiten, dann seht ihr, was Altersarmut wirklich bedeutet. Das Rentenniveau muss unbedingt stabilisiert werden!“ Ohne Vorahnung macht Claudia Moll damit ein gewaltiges Fass auf. „Das Problem der in Zukunft gesicherten Rente…“, beginnt Helmut Brandt. „Dass wir in einem Land leben, in dem Armut vorherrscht. Das ist schlichtweg unwahr!“ Der Lautstärkepegel der beiden Kandidaten steigt dabei erheblich. Die Schüler können nicht anders, sie lachen. Schauen atemlos zu, schockiert und gleichermaßen fasziniert über das, was sich da gerade vor ihnen abspielt. Man spürt förmlich, wie die SPD-Politikerin anfängt zu kochen und wie sie sich zusammenreißen muss, als Helmut Brandt anführt, dass eine Kommission eingesetzt werden müsse, die auf Grundlage von Ursachen und Folgen, Lösungsvorschläge entwickelt.

 

Dann bekommt Claudia Moll wieder das Wort, und der Kragen platzt: „Also jemand, der über 100 000 Euro Nebeneinkunft hat, der kann wirklich sagen, dass es keine Altersarmut gibt und dass es den Menschen gut geht. Ich kenne Menschen, die Monate lang für eine Brille sparen müssen, die sich keine Prothese leisten können. Gehen Sie mal eine Woche mit mir in meine Einrichtung. Also das ist eine Frechheit ohnegleichen, das so zu äußern.“ Brandt entgegnete: „Ich weiß ja jetzt nicht, was das sollte mit dem Nebenverdienst, da stehe ich ja schon immer zu. Wir sind ja auch zur Veröffentlichung der Nebeneinkünfte verpflichtet. Das ist doch nicht unser Thema...“ Frank Schniske: „Wichtig ist doch, dass es in erster Linie, um euch Schüler geht.“ Für ihn bedeutet dies, der Realität ins Auge zu blicken und auch private Vorsorge zu leisten.

 

Der letzte Block umfasste, neben der Digitalisierung, das Thema Bildung. Hier wollen alle Parteien für mehr Einheitlichkeit sorgen und investieren. Denn Bildung ist ja bekanntlich „der Schlüssel zu einem guten Leben“, wie Gabi Halili bemerkte. Einige von den Schülern des Ritzefeld- und Goethe-Gymnasiums werden am Sonntag ihr Kreuzchen machen dürfen. Am Ende wird deutlich, dass jeder, wenn auch nur in der Theorie, eine Wahlentscheidung getroffen hat. So auch Leon Grot (17): „Ich fand die Debatte gut. Hier gab es mehr Kontroverse als beim Kanzler-Duell.“ Ähnlich erging es Julia Hellebrand (17) vom Goethe-Gymnasium: „Es war sehr spannend, die Direktkandidaten zu sehen und so vieles zu erfahren. Vorher dachte ich, ich wüsste, wen ich wähle. Jetzt hat sich das Blatt gewendet.“

 

Quelle: Stolberger Zeitung / Nachrichten


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